100 Jahre Stadtkrone Darmstadt
Ein Jahr im Zeichen der Architektur
Das Jahr 2008 steht auf der Mathildenhöhe Darmstadt ganz im Zeichen des 100. Jahrestages der Stadtkrone Darmstadt. Im Mai 1908 wurden das Ausstellungsgebäude und der Hochzeitsturm von Joseph Maria Olbrich eingeweiht: architektonische Krönung der Künstlerkolonie Darmstadt, Meilenstein der Architekturgeschichte und Wahrzeichen der Stadt bis heute.
Das Jubiläumsprogramm „100 Jahre Stadtkrone Darmstadt“ richtet den Fokus in besonderer Weise auf Geschichte und Gegenwart von Architektur: Neben einem internationalen Symposium zum Leben und Werk des Künstlerkoloniearchitekten Joseph Maria Olbrich finden sich deshalb im Programm ebenso Einzelausstellungen der Gegenwartskünstler Andreas Gursky und Heribert C. Ottersbach, die in den ihnen eigenen Medien Fotografie und Malerei historische wie aktuelle Architektur als Bedeutungsträger reflektieren.
Begleitet wird das Jubiläumsprogramm, das ausdrücklich das Nachdenken über die Rolle der Architektur als essentiellen Lebensraum des Menschen befördern will, von weiteren Projekten in den Bildhauerateliers des Museums Künstlerkolonie sowie einem umfangreichen Rahmenprogramm mit Festveranstaltungen, Vorträgen und Lesungen.
Download Jubiläumsbroschüre (1245kb)
Das Jahresprogramm
28. März bis 26. Oktober
Peter Behrens. Das Wertheim-Speisezimmer
Präsentation des Gesamtensembles von 1902 im Museum Künstlerkolonie
3. bis 6. April
Jugendstiltage Darmstadt
Sonderführungen, Vorträge und Illuminationsfest auf der Mathildenhöhe
11. Mai bis 7. September
Andreas Gursky. ArchiTektur
Werkschau des weltberühmten Düsseldorfer Fotografen (*1955) mit besonderem Fokus auf dem Thema Architektur
11. Mai bis 7. September
Heribert C. Ottersbach. Erziehung zur Abstraktion
Einzelausstellung mit Schwerpunkt auf Architekturdarstellungen des international renommierten Malers (*1960)
23. bis 25. Mai
100 Jahre Stadtkrone Darmstadt
Fest zum Jubiläum von Hochzeitsturm und Ausstellungsgebäude 1908/2008
6. Juni bis 21. September
Farbe – Struktur – Oberfläche 2008
Caparol-Architekturpreis
Museum Künstlerkolonie
11. und 12. Juli
Joseph Maria Olbrich 1867-1908
Internationales Symposium zum Werk des Wiener Meisterarchitekten der Mathildenhöhe
12. Oktober 2008 bis 1. Februar 2009
Russland 1900. Kunst und Kultur im Reich des letzten Zaren
Große Übersichtschau zur russischen Kunst und Kultur der Jahre 1896 bis 1917
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Hochzeitsturm, Mathildenhöhe Darmstadt
Foto: Rühl & Bormann
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Podiumsdisskusion und musikalische Finnisage auf der Mathildenhöhe
Bevor sich die Laufzeit der beiden erfolgreichen Ausstellungen "HERIBERT C. OTTERSBACH. Erziehung zur Abstraktion" und "ANDREAS GURSKY. Architektur" am 7. September 2008 ihrem Ende nähert, präsentiert die Mathildenhöhe Darmstadt abschließend weitere zwei Highlights des Veranstaltungsprogramms der Jubiläumsausstellungen:
Donnerstag, 4. September 2008, ab 19 Uhr (Beginn 19.30 Uhr)
ARCHITEKTUR UND GESELLSCHAFT - Podiumsdiskussion
Ausstellungsgebäude Mathildenhöhe
Podiumsdiskussion mit Jan Kleihues (Architekt, Berlin), Johann Eisele (Professor für Architektur, TU Darmstadt) und Tim Hupe (Architekt, Hamburg). Moderation: Ulrike Schneiberg, hr2
Das Konzert wird mitgeschnitten und am 3. Oktober 2008 von 14.05 Uhr - 14.55 Uhr auf hr2 gesendet.
Eine Veranstaltung im Rahmen des
Darmstädter Architektursommers.
Sonntag, 7. September 2008, 16 bis 18 Uhr
MUSIKALISCHE FINISSAGE mit dem Konzertchor Darmstadt unter Leitung von Wolfgang Seeliger
Wasserreservoir und Ausstellungsgebäude
Auf dem Programm stehen Lieder von Mahler und Kagel, sowie eine Uraufführung von Engelmanns "Eros":
a) Gustav Mahler "Ich bin der Welt abhanden gekommen" aus sieben Liedern auf Texten von Friedrich Rückert für 16-stimmigen Chor bearbeitet von Glytus Gottwald
b) Mauricio Kagel, 3 Stücke aus dem "Chorbuch"
c) Hans Ulrich Engelmann, Uraufführung, "Eros" für 12-stimmigen gemischten Chor auf Worte des Sophokles (Antigone)
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Heribert C. Ottersbach, Erziehung (Die Eltern), 2004, VG Bild-Kunst, Bonn 2008
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Von der Energie des Utopischen
Die Mathildenhöhe Darmstadt: ein Kristallisationsort künstlerischer Gegenwart
„Eine Stadt müssen wir erbauen, eine ganze Stadt! Alles andere ist nichts! Die Regierung soll uns (…) ein Feld geben, und da wollen wir dann eine Welt schaffen.“ Diese Worte des Architekten Joseph Maria Olbrich, einer der treibenden Kräfte der Darmstädter Künstlerkolonie um 1900, kristallisieren eben jenen Geist des Aufbruchs, der geradezu ungebremsten Vitalität, der sich einer nach Fortschritt sehnenden Jugend im Angesicht des neuen Jahrhunderts bemächtigte. Jugend? Ja. Die jüngsten Mitstreiter Olbrichs, Paul Bürck und Patriz Huber, kamen mit 21 auf die Mathildenhöhe, der älteste, Hans Christiansen, war gerade einmal 33 Jahre alt. Stil? Ja. Stil- und Formbewusstsein hatten diese ersten sieben Multitalente, diese Architekten, Maler, Bildhauer und Kunsthandwerker, die die Darmstädter Künstlerkolonie ab 1899 prägen sollten, zweifellos. Doch: War es wirklich „nur“ Jugendstil, was am Ende dabei herauskam? Das Etikett haftet fest – doch ist es wirklich treffend?
Mir jedenfalls scheint „Jugendstil“ als Begriff zu kurz zu greifen, um das zu beschreiben, was die Darmstädter Künstlerkolonie wirklich ausmacht. Was mich als neuen Direktor der Mathildenhöhe Darmstadt an dieser außergewöhnlichen Kunstinitiative um 1900 fasziniert, das ist die bis heute spürbare künstlerische Energie der Mathildenhöhe, entstanden durch den Willen, eine neue Welt zu schaffen – und zwar nicht als Modell, sondern im Maßstab 1:1.
Hier in Darmstadt ging und geht es um Grösseres als das Design einer Untertasse oder den Entwurf eines Lesezeichens, so sehr die kunsthandwerkliche Finesse und stilisierte Schönlinigkeit dieser Einzelobjekte immer wieder Bewunderung auszulösen vermag. Olbrichs eingangs zitierte Worte sprechen es unmissverständlich aus: Ein sowohl ästhetisch wie urbanistisch wirksames Gesamtkunstwerk war das Ziel. Die durch den hessischen Großherzog Ernst Ludwig initiierte Künstlerkolonie zielte auf etwas, das heute bedeutsamer ist denn je: die Aufwertung der Lebensumgebung als Ganzes, der Versuch eine mehr als nur alltägliche Lebenswelt zu gestalten.
Hier auf der Mathildenhöhe fanden damals keine Ausstellungen beliebig vorgefertigter Werke statt, sondern es entstanden, wie etwa bei der bahnbrechenden Ausstellung „Ein Dokument deutscher Kunst“ von 1901, eigens für den Anlass errichtete, ganz und gar ästhetisch durchgestaltete Künstlerhäuser. Nochmals Olbrich: „Was nützen drei, fünf, zehn schöne Häuser, wenn darin die Sessel nicht schön sind oder die Teller nicht schön sind? Nein – ein Feld, anders ist es nicht zu machen. Ein leeres, weites Feld, und da wollen wir dann zeigen, was wir können: in der ganzen Anlage und bis ins letzte Detail…“
Das war das Neue, das war die eigentliche Bestimmung der innovativen Künstlerkolonie: Weltentwürfe in äußerster ästhetischer Verdichtung zu versammeln. An diese kreative Energie wollen wir anknüpfen: Etwa in der Realisierung der raumgreifenden Künstlerinterventionen für die Eröffnungsausstellung „Mathilda is calling“. Oder in der Erarbeitung einer als „Körper“ erfahrbaren Totalinstallation zum Thema „Zeit“ mit dem französischen Meisterkünstler Christian Boltanski. Oder – noch ferne Zukunftsmusik – mit der Präsentation zeitgenössischer Künstlerhäuser auf der Mathildenhöhe. Da könnte es dann auch sein, das wieder einmal eine „Stadt“ entsteht.
Ralf Beil
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Dr. Ralf Beil
Direktor Mathildenhöhe Darmstadt
© Foto Robert Heiler
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